Der Ingeborg-Bachmann-Preis wurde 1976 von der Stadt Klagenfurt im Gedenken an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gestiftet und wird seit 1977 jährlich während der mehrtägigen Tage der deutschsprachigen Literatur verliehen.

Zur diesjährige Einladung wurde angemerkt: „An der Veranstaltung dürfen jedoch nur „Vollimmunisierte mit aktuellem Test“ teilnehmen.“ Das veranlasste den österreichischen Autor und Wissenschaftler Jan David Zimmermann zu einem offenen Brief an die Organisatoren des Bachmannpreises, an die Jury, aber auch an die literarischen Institutionen und an alle Schreibende. 

Der ganze Brief von Jan David Zimmermann:
 
„Um den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu gewährleisten, können nur Vollimmunisierte mit aktuellem Test daran teilnehmen.“ [1]

Liebe Organisator*innen des Bachmannpreises,
Liebe Jury,
Liebe literarische Institutionen,
Liebe Schreibende,
 
ursprünglich wollte ich dieses Jahr einen Text einreichen, um bei der Veranstaltung in Klagenfurt teilzunehmen.
Ich bin jedoch 1. kein reibungsloser Autor und produziere 2. grundsätzlich KEINE vollimmunisierten Texte. Daher werden Sie dieses Jahr und wohl auch in Zukunft auf mich als lesender Teilnehmer verzichten müssen.
Zudem kann ich grundsätzlich nicht nachvollziehen, was der Impfstatus eines Menschen mit der Qualität literarischer Texte zu tun hat. Und ich denke, dass Sie mir das auch nicht erklären können.
In meinen Augen ist es eine wichtige Aufgabe von Kunst und Literatur, gesellschaftliche Regeln, Normalität und Etabliertes zu hinterfragen sowie Macht und Politik zu sezieren, zu analysieren und zu kritisieren.
Die Literatur und öffentliche Personen aus dem Literaturbetrieb hätten in den letzten zwei Jahren insbesondere die Aufgabe gehabt, die massive sprachliche Eskalation zu thematisieren, die vonseiten der Politik, vonseiten etablierter Medien forciert und schließlich von Teilen der Bevölkerung unkritisch übernommen wurde.
Wenn die Sprache der Öffentlichkeit zu einer Sprache des Autoritären, zu einer Sprache der Ausgrenzung, zu einer Sprache des Hasses wird, dann muss die Literatur einschreiten und darauf aufmerksam machen.


Insbesondere dann, wenn sich eben jene Literaturszene weitgehend darauf beruft, gegen Diskriminierung, Hate-Speech und Hass im Netz aufzutreten, ist es ihre Aufgabe, Theorie und Praxis im entscheidenden Moment einer Krise zu verbinden und auf das Entschiedenste gegen solche Entwicklungen zu intervenieren. Dies ist nicht geschehen.
Im Gegenteil: Ein primitives und verkürztes Sündenbock-Denken, -Sprechen und -Schreiben wurde ungebremst von schweigenden Intellektuellen und sich einigelnden Schreibenden zugelassen oder gar vorangetrieben; oftmals im selbstgerechten Glauben, die Guten zu sein, die das Richtige tun.

Ein Denken und Sprechen, das sich gegen „die Ungeimpften“ (Was für ein Begriff!) und gegen alle, die Kritik an Politik, Impfkampagnen und einem sich ausbreitenden biopolitisch-digitalen Verordnungsstaat äußerten, gerichtet hat. Ein Denken, Sprechen, Schreiben und Handeln, das die Begriffe Vernunft, Logik und Solidarität semantisch umdeutete. Alles im Sinne einer neuen Normalität, die eine neue Realität einleitete. Eine Realität der Umkehrung, des Populismus und des Autoritarismus.


Nach der sprachlich-diskursiven Ausgrenzung kommt die räumliche und schließlich auch die juristische, also die durch die „Staatsräson“ abgesegnete Ausgrenzung. All dies ist passiert: Diffamierung von Ungeimpften in den Medien, 2G-Regelungen im öffentlichen Raum und schließlich die Impfpflicht.

Was danach kommt, ist wiederum ungewiss. Das Aufatmen und sich zurücknehmen? Das Schweigen? Oder eine weitere Eskalation?
So oder so: Viele dieser Eskalations-Schritte wurden in den letzten zwei Jahren von Kunstschaffenden und Schreibenden nicht nur mitgetragen, sondern teilweise auch angestachelt; in übelster Anfachung menschlicher Bauchgefühlglutnester, die offenbar ebenso bei den sogenannten Gebildeten schwelen und ganz leicht entzündlich scheinen. Viel leichter, als ich das je gedacht hätte.


Und ist es nicht das Bauchgefühl, dem so hemmungslos nachgegangen und das fälschlicherweise immer nur den Rechten attestiert wird, so ist es zumindest oft auch ein vorauseilender Regel-Konformismus, eine unhinterfragte Staatstreue und eine ideologische Verbohrtheit, die in die Anpassung führt.


Auch der Bachmannpreis hat sich – mit dem Proklamieren der 2G+-Regel bei seiner Veranstaltung – offenkundig gegenüber wirklicher Gesellschaftskritik und Reflexion längst vollimmunisiert und macht alles brav mit, was eine kafkaesk-schildbürgerhafte, quasitotalitäre Wurschtel-Regierung vorschreibt. Damit reiht sich der Bachmannpreis leider in das Verhalten eines Großteils unseres Kunst- und Kulturbetriebs ein.


Kunst und Kultur sind mittlerweile in weiten Teilen derart von den drängenden Fragen unserer Zeit entkoppelt, dass diesem Bereich das Schmoren im eigenen Saft oft gar nicht mehr auffällt. Sie schmoren ohne Bezugnahme auf die eigentlichen, auf die wirklichen Probleme, ohne Verständnis für die Sorgen der meisten anderen Menschen vor sich hin. Sie glauben vielfach an eine Realität, die in dieser Form überhaupt nicht existiert, die aber von regierungsnahen Haus- und Hofmedien herbeigeschrieben wird.


Ständig wird mit hohlen Phrasen und unter Zuhilfenahme dröger Worthülsen von Hate-Speech und Sprachsensibilität gesprochen; wenn die Diffamierungen jedoch von der „richtigen“ Seite kommen, so findet man die sprachlichen Entgleisungen legitim und in Ordnung und sieht überall Nazis und Rechtsextreme. Damit wird man den tatsächlichen Rechtsextremen nur weiter Futter geben und ihnen letztlich Menschen in die Arme treiben, weil Kunst und Kultur sich eben nicht für Menschen eingesetzt haben, die nun seit einiger Zeit wütend, enttäuscht, verzweifelt und perspektivenlos auf die Straßen gehen, um ihr Recht einzufordern.


Und ich bin mir sicher: Auf den Winter der Eskalation wird vermutlich ein Sommer des Vergessens folgen; angeblich sollen ja im März 2022 die meisten Corona-Maßnahmen fallen. Wird dies dann auch für die Teilnahme am Bachmannpreis gelten?

Langsam dürfen ja die ungeimpften Menschen wieder in die Öffentlichkeit, ins Kino, ins Museum, Bier im Restaurant trinken und die Melange im Kaffeehaus schlürfen. Die Öffentlichkeit wird wohl so tun, als wäre nichts gewesen, Medien werden vermutlich zurückrudern und auch viele der Schreibenden und Kunstschaffenden werden sagen, dass sie ja ohnehin gewusst haben, dass das alles ein Irrsinn war und dass sie ja eigentlich immer gegen Ausgrenzung und dergleichen gewesen sind.
Wenn der Wind sich dreht, drehen sich auch die Wendehälse.


Ich und viele andere Menschen, Betroffene, Beschimpfte, Diffamierte, Geängstigte, Gezwungene oder einfach nur Kritische werden diese Zeit jedoch niemals vergessen und diesem unerträglichen Schweigen jetzt und in Zukunft mit ihren Stimmen entschieden und gut hörbar entgegentreten.
Denn wie hat schon Ingeborg Bachmann in einer berühmten Ansprache gesagt:


„So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn – im Gegenteil – wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit.“ [2]


[1]https://bachmannpreis.orf.at/stories/3134900/, abgerufen am 17.02.2021.
[2] Ingeborg Bachmann, „Über die Kunst.“ Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959. Vgl. https://www.br.de/mediathek/podcast/artmix-galerie/die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar-ingeborg-bachmanns-beruehmte-dankesrede-zum-hoerspielpreis-der-kriegsblinden/1831302 , abgerufen am 09.02.2022 (Ab Minute 1:43).
Bild wikicommons

Kommentare (12)

Einen Kommentar verfassen

0 Zeichen
Leserbriefe dürfen nicht länger sein als der Artikel
Anhänge (0 / 3)
Deinen Standort teilen
Gib den Text aus dem Bild ein. Nicht zu erkennen?
This comment was minimized by the moderator on the site

Es gibt noch Intellektuelle!. Lieber Herr Zimmermann, herzlichen Dank!

Marie Hansen
This comment was minimized by the moderator on the site

Geschätzter Uli Gellermann,

nicht aufregen! Uwe Friesel hat mich in den Verteiler seiner triefenden Mail gesteckt - vermutlich, weil er es auch mir stecken will auf diesem Weg.

Aber ich werde mit keinem Wort darauf eingehen und erwidern. Es...

Geschätzter Uli Gellermann,

nicht aufregen! Uwe Friesel hat mich in den Verteiler seiner triefenden Mail gesteckt - vermutlich, weil er es auch mir stecken will auf diesem Weg.

Aber ich werde mit keinem Wort darauf eingehen und erwidern. Es hat keinen Zweck. U. F. ist in sein Corona-Narrativ verwickelt und verstrickt, vielleicht sogar vernarrt. Er hat auf seine alten Tage und vorerkrankt schlicht Todesangst. Wer Angst vor dem Tod hat, wünscht ihn - und das ist das Gefährliche an den Angstgepeinigten - den anderen, gemäß den Floriansprinzip.

Mit herzlichen Grüßen:
Rudolph Bauer

PS. Sie erinnern sich sicher: Friesel war nach dem DDR-Anschluss "gesamtdeutscher" Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller. Eigentlich sagt das alles, wenn man bedenkt, wo dieser Verband (ohne Friesels Zutun?) inzwischen gelandet ist. Aber halten wir uns an das Sprichwort: De mortuis nihil nisi bene. Das gilt auch für die Halbtoten.

Weiterlesen
Rudolph Bauer
This comment was minimized by the moderator on the site

Ein extrem guter Beitrag. Mir aus dem Herzen geschrieben. Danke.

Franz Witsch
This comment was minimized by the moderator on the site

@ Uwe Friesel
Friesel war mal Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Dass ihn heute keiner mehr fragt, nicht mal die Organisatoren des Bachmann-Preises, wurmt ihn sehr. Daraus erklären sich weite Teile seiner Zuschrift, Das...

@ Uwe Friesel
Friesel war mal Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Dass ihn heute keiner mehr fragt, nicht mal die Organisatoren des Bachmann-Preises, wurmt ihn sehr. Daraus erklären sich weite Teile seiner Zuschrift, Das Wesentliche hat Uli Gellermann gesagt: Auch Zeugen Coronas könnten sich informieren,

Weiterlesen
Jens Kemper
This comment was minimized by the moderator on the site

Ich bin zwar Autor, aber kein "Schreibender". Da müsste ich ja ständig schreiben. Nachdenken wird wohl erlaubt sein, oder? All die Asterix-Lover und Gender-Freaks die sich jetzt dauernd zu Wort melden, weil Ihre Freiheit, mit Corona infiziert zu...

Ich bin zwar Autor, aber kein "Schreibender". Da müsste ich ja ständig schreiben. Nachdenken wird wohl erlaubt sein, oder? All die Asterix-Lover und Gender-Freaks die sich jetzt dauernd zu Wort melden, weil Ihre Freiheit, mit Corona infiziert zu werden oder andere zu infizieren, beschnitten wird: ganz wie im Dritten Reich. Schlimmer noch: durch Impfung!
Jene Impfung, um die uns "unwissende Afrikaner" anflehen, weil ihnen die Leute wegsterben wie die Fliegen.

Also gut, ich gebe zu, ich bin ein Mensch. Keine Menschin. Ein Berg bleibt solange ein Berg, wie BergInnen noch nicht erfunden sind. Gebirge schon, schön neutral. Aber wer will dieses Schöne schon, in Bachmann-fernen Zeiten wie diesen? Und kurz vor einem Krieg? Himmel, könnt Ihr Euch aufregen hinter Eurem vermeintlich sicheren Schreibtisch. Als Schreibende.

Weiterlesen
Uwe Friesel
This comment was minimized by the moderator on the site

. . . als Sie noch wussten was Marxismus ist, haben Sie sich zuweilen informiert. Würden Sie das noch heute machen, dann könnten Sie wissen, dass z. B. in den USA mehr als die Hälfte der Bundesstaaten keine Corona-Massnahmen durchführen. Und nur...

. . . als Sie noch wussten was Marxismus ist, haben Sie sich zuweilen informiert. Würden Sie das noch heute machen, dann könnten Sie wissen, dass z. B. in den USA mehr als die Hälfte der Bundesstaaten keine Corona-Massnahmen durchführen. Und nur 64,9 % der Bevölkerung geimpft sind.
Und? Sind die USA ausgestorben? Unwissen führt zu Arroganz, das ist eine schwere Krankheit. Da hilft offenkundig kein Impfen.

Weiterlesen
Uli Gellermann
This comment was minimized by the moderator on the site

Lieber Rationalgalerist,


Der schottische Archäologe Neill Oliver ist mir seit Jahren aus dem Fernsehen bekannt. Seit einigen Monaten ist er auch in anderer Funktion auf http://www.YouTube.com zu sehen und zu hören, nämlich als entschiedener...

Lieber Rationalgalerist,


Der schottische Archäologe Neill Oliver ist mir seit Jahren aus dem Fernsehen bekannt. Seit einigen Monaten ist er auch in anderer Funktion auf http://www.YouTube.com zu sehen und zu hören, nämlich als entschiedener Gegner der Gesundheitshysterie, mit der zunehmende Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bevölkerung und das Wirtschaftsleben gerechtfertigt werden.

Weiterlesen
Samy Yildirim
This comment was minimized by the moderator on the site

Die Aufarbeitung wird stattfinden. Denn die Ausrede der Inneren Emigration gilt nicht, da der Einsatz für Demokratie und Grundrechte zwar unbequem und existenzbedrochlich, aber nicht lebensgefährlich ist.

Sophia
This comment was minimized by the moderator on the site

Ein sehr berührender, anregender, ermutigender Text. Er lässt die ganze elendigliche Verlogenheit und Bigotterie aufscheinen. Auch das Leiden daran, dass so viele zentrale Krisen-Themen dethematisiert werden. Denn so wird deutlich, dass das ganze...

Ein sehr berührender, anregender, ermutigender Text. Er lässt die ganze elendigliche Verlogenheit und Bigotterie aufscheinen. Auch das Leiden daran, dass so viele zentrale Krisen-Themen dethematisiert werden. Denn so wird deutlich, dass das ganze moraline Gerede der "Guten" vor allem Doppelmoral ist.

Weiterlesen
MarieLou
This comment was minimized by the moderator on the site

Ein auch sprachlich wunderbarer Text, mein Dank an den Dichter!

Larissa Reger
This comment was minimized by the moderator on the site

Das musste mal geschrieben und dankenswerter Weise weiterverbreitet werden. Ein hervorragender Beitrag, der allen Menschen, die sich ihre Kritikfähigkeit bewahrt haben, Labsal bereitet. Vielen Dank dafür.

Reddig, Rudolf
Bisher wurden hier noch keine Kommentare veröffentlicht
Lade weitere Kommentare