Auf dem Weg abwärts in der Wählergunst ist man von der SPD soziale Demontage gewohnt. Seit ihr damaliger Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt "Deutschlands Freiheit am Hindukusch" verteidigen wollte weiß man: Die SPD kann auch Krieg. Aber unverhohlenen, ungetarnten Imperialismus haben die Sozialdemokraten eher selten drauf. Aber weil die sterbende SPD auf keinen Fall auf diese schöne Facette des moralischen Abstiegs verzichten will, lässt sie jüngst ihren Haus-Atlantiker Christoph von Marschall in einer Zeitschrift ihrer Ebert-Stiftung, zum Kampf blasen: "Deutschland muss endlich anfangen, für die liberale Ordnung zu kämpfen." Nun kann man in Deutschland immer noch nicht offen zum Kampf aufrufen, ohne die Wirklichkeit zugunsten eines ordentlichen Feindbildes zu verzerren. Aber Christoph von Marschall – der sich was darauf einbildet, dass er in den Zeiten der Anschläge vom 11. September 2001 der einzige deutsche Zeitungskorrespondent mit Zugangspass zum Weißen Haus war – zerrt so lange und so kräftig an der Wirklichkeit bis sie zur Schimäre wird.

Feinde der Ordnung wie von Marschall sie versteht, sieht er viele: "Die Angriffe auf die regelbasierte Ordnung nehmen zu und werden härter. Sie kommen aus vielfältiger Richtung: aus Russland, China, vom Nato-Partner Türkei sowie aus den USA, die bisher als Hauptgarant der regelbasierten Ordnung aufgetreten waren." Natürlich mag der Stipendiat der ZEIT-Stiftung und des German Marshall Fund nicht sagen, wer denn die Regeln dieser Ordnung macht. Festgenagelt würde ihm sicher ein diffuser "Westen" einfallen. Eine Gegend ohne verbindliches Völkerrecht mit ungezügeltem Appetit auf andere Länder, Rohstoffe und eine durch nichts begründete Vormachtstellung. Aber das darf er nicht offen sagen wenn er sich nicht als besonders schlichter Prophet des Abendlandes enttarnen will. So bleibt er dunkel, verleumderisch und lügt zuweilen primitiver als üblich.

Zur Ukraine und der Krim fällt ihm ein: "Zum ersten Mal seit 1945 wurde eine Grenze in Europa gewaltsam verschoben". Von Jugoslawien will er nichts gehört haben. Von der historischen Wahrheit über die Sezession der Krim noch weniger. Der Lüge nähert er sich schnell, wenn er behauptet Moskau habe "seine Zusagen im Friedensprozess von Minsk nicht erfüllt". Bei ihm ist keine Rede davon, dass die Ukraine das Abkommen von Minsk faktisch nicht kennen will und statt dessen zündelt. Aber der Höhepunkt seiner Verdrehungen ist dieser Satz: „Der amerikanische Kolumnist Robert Kagan schreibt über die globale Entwicklung: The Jungle Grows Back. Die liberale Ordnung ist auf dem Rückzug. Die Dschungel-Gesetze kehren zurück, voran das Recht des Stärkeren.“ Als ob die US-Angriffe auf den Irak, Afghanistan oder Libyen nicht Dschungel pur gewesen wären. Und als ob Deutschland sich nicht zumindest in Afghanistan bis heute als braver Wasserträger verstehen würde. Da kann es nicht ausbleiben, dass von Marschall auch fälschlich behauptet, dass Syrien Giftgas eingesetzt habe.

Von Marschalls Programm wird überdeutlich wenn er diese Vision absondert: "Man stelle sich nur mal vor, jedes zehnte Handelsschiff mit deutschen Waren würde nicht mehr „just in time“ an seinem Bestimmungsort ankommen oder ganz verloren gehen. Dann ist es jedenfalls nicht die Bundesmarine, die die freie Fahrt durch den Suez- und den Panamakanal, den Persischen Golf und das Ostchinesische Meer garantiert." Ja, was hätte er denn gern? Konvois der Kriegsmarine, die sich den Weg durch die Wasserstraßen freischießen?

Man muss die Friedrich-Ebert-Stiftung ernst nehmen. Mehr als 600 Mitarbeiter und ein Etat von 176,6 Millionen Euro sind schon eine Propaganda-Macht, die unter den Tarnwörtern "Sozial" und "Demokratie" jede Menge gefährlichen Unsinn verbreiten kann. Auch und gern ein bisschen Imperialismus. Mehr als in der SPD sonst üblich ist.

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Gustav-Noske-Stiftung heißt das, nicht Friedrich-Ebert-Stiftung. Und Deutsche Marine, nicht Bundesmarine.

Bernhard Thiesing
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Ein echter Fund! Welche Friedrich-Ebert-Publikation ist es denn?

Hanne Merker
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Die Online Zeitschrift ipg-journal. Sie wird erstellt vom Referat Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Uli Gellermann
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Die Fußballvereine sollen sich an den Kosten für die Polizeieinsätze beteiligen. Wann beteiligt sich die Deutsche Wirtschaft an den Kosten der Bundeswehr für den Einsatz am Horn von Afrika und anderswo? Sind es doch ihre Ureigenen Interessen die...

Die Fußballvereine sollen sich an den Kosten für die Polizeieinsätze beteiligen. Wann beteiligt sich die Deutsche Wirtschaft an den Kosten der Bundeswehr für den Einsatz am Horn von Afrika und anderswo? Sind es doch ihre Ureigenen Interessen die da geschützt werden.

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Ulrich Erich
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Ein journalistisches Glanzstück!
Die Friedensbewegung dankt Ihnen.
es ist immer wieder unglaublich, wieviele Politiker (MdBs) sich über das Völkerrecht hinwegsetzen. Und es ist nicht zu akzeptieren, dass Journalisten das internationale Recht...

Ein journalistisches Glanzstück!
Die Friedensbewegung dankt Ihnen.
es ist immer wieder unglaublich, wieviele Politiker (MdBs) sich über das Völkerrecht hinwegsetzen. Und es ist nicht zu akzeptieren, dass Journalisten das internationale Recht ignorieren und nicht zur Grundlage ihrer Analysen machen. In der Ausbildung zum Journalisten wird es sicher auch -wenn überhaupt behandelt- juristisch, politisch derart verzerrt, dass beispielsweise gerne H. Münkler zur Choriphäe erhoben wird. Wir (aus der Friedensbewegung) orientieren uns u.a. an Gregor Schirmer und Norman Paech...
Ihr fantastischer Artikel gehörte allen MdBs der SPD und der Friedrich-Ebert-Stiftung von mehreren Seiten zugeschickt! Setze mich dran...

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Elke Zwinge-Makamizile
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WER SICH IN DER GESCHICHTE
AUSKENNT, DEM WIRD BEIM NAMEN
FRIEDRICH EBERT
ZWANGSLÄUFIG GUSTAV NOSKE
EINFALLEN.
DEUTSCHLAND RÜCKFALLGEFÄHRDET?
SCHON MIT KONRAD ADENAUER
WAR BONN AUF JENEM WEG,
DER UNS HEUTE STOLPERN LÄSST.

EMPFEHLUNG
Egal wie gedeutet,...

WER SICH IN DER GESCHICHTE
AUSKENNT, DEM WIRD BEIM NAMEN
FRIEDRICH EBERT
ZWANGSLÄUFIG GUSTAV NOSKE
EINFALLEN.
DEUTSCHLAND RÜCKFALLGEFÄHRDET?
SCHON MIT KONRAD ADENAUER
WAR BONN AUF JENEM WEG,
DER UNS HEUTE STOLPERN LÄSST.

EMPFEHLUNG
Egal wie gedeutet, egal wie getrimmt,
Auch auf Hochglanz poliert, wird es nicht besser:
Das Russophobie-Klavier bleibt verstimmt.
Es wär nur noch auszuprobiern, ob es schwimmt;
Doch denkt an die Umwelt: Schont die Gewässer!

Entkernt und zerlegt es, packt es in Fässer,
So sicher, als wär es Plutonium.
Wer läuft schon gern ins offene Messer.
Kriege sind grausame Menschenfresser.
Leute, wählt klug: Ihr bringt euch sonst um!

Weiterlesen
Lutz Jahoda
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Die Kritik an der Ebert Stiftung und dem IPG - Journal teile ich nicht. Beide agieren hinsichtlich Qualität und Meinungsvielfalt weit über dem Niveau der offiziellen Verlautbarungen der Partei. Für die Stiftungen der Linken und Grünen gilt dies...

Die Kritik an der Ebert Stiftung und dem IPG - Journal teile ich nicht. Beide agieren hinsichtlich Qualität und Meinungsvielfalt weit über dem Niveau der offiziellen Verlautbarungen der Partei. Für die Stiftungen der Linken und Grünen gilt dies in gleicher Weise.
Für mich sind alle drei ein unverzichtbares Informationsmedium, und das ohne Bezahlschranke !

Christoph von Marschalls Artikel hat dagegen jede Kritik verdient, er ist ein schlechter Witz. Überschrieben hat er ihn "Wir verstehen die Welt nicht mehr". Hätte er "Ich verstehe die Welt nicht mehr" getitelt, wäre es zutreffend.

"Wenn es um Afrika geht, verlieren die Menschen den Verstand" ist Achille Mbembes Interview vom 21.10.2018 im Deutschlandfunk überschrieben. Hörenswerter Kontrast zu von Marshalls Stumpfsinn, von einem, der die Welt(ordnung) versteht. Nach Jahrhunderten ungebremster Ausbeutung sei es für Europa zu spät, sich abzuschotten. Es sei denn, es sei bereit, zu Mitteln zu greifen, die in letzter Konsequenz bis zum Genozid führen. Liberale Demokratien sind weltweit bedroht meint Mbembe, aber nicht von Populismus und rechtem Gedankengut,
sondern vom unregulierten Kapitalismus, der sich immer weiter ausbreitet. Hörenswert!!!

Demokratie kommt bei von Marschall nur einmal vor, als "Lebenslüge". Selbstverständlich dürfen "wir" unsere Seewege weltweit militärisch sichern, China aber nicht mal die Zufahrten zu seinen Häfen.

von Marschall ruft uns also auf, für die "gewohnte Ordnung" , die "liberale Ordnung" kämpfen. Damit meint er aber nur den Wirtschaftsliberalismus in seiner, wie Uli zu Recht schreibt, imperialistischen Fassung.

Dass wir den politische Liberalismus nur erhalten können, wenn wir uns vom Wirtschaftsliberalismus trennen, hat von Marshall nicht erkannt. Achille Mbembe schon.

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Heinz Schneider
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Diese "Stiftung" hat schon einiges tolles auf Papier gebracht.

"Neue Macht- Neue Verantwortung"
Die Grafik auf Seite 31 laesst mich immer wieder schaudern. Die Sprache spricht fuer sich.

Viele Soozen sind verdeckte Rechtskonservative die sich...

Diese "Stiftung" hat schon einiges tolles auf Papier gebracht.

"Neue Macht- Neue Verantwortung"
Die Grafik auf Seite 31 laesst mich immer wieder schaudern. Die Sprache spricht fuer sich.

Viele Soozen sind verdeckte Rechtskonservative die sich nicht trauen es offen zuzugeben oder die in der cDU keiner wollte

https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf

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joe bildstein
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Christoph Freiherr Marschall von Bieberstein, der jüngere geistige Bruder von Marieluise Beck gab am 2.12.18 bei Anne Will einen tiefen Einblick in die wahnhafte Unordnung seiner armen Seele. Da war ein hyperventilierendes, hektisch mit den...

Christoph Freiherr Marschall von Bieberstein, der jüngere geistige Bruder von Marieluise Beck gab am 2.12.18 bei Anne Will einen tiefen Einblick in die wahnhafte Unordnung seiner armen Seele. Da war ein hyperventilierendes, hektisch mit den Augenbrauen zuckendes Männchen zu sehen, dem offenbar ein ganz fieser Geist das Leben zur Hölle machte. Er heißt Putin. Der Geist. Es ging um die ukrainische, wohl mit Washington abgestimmte Provokation Russlands in der Straße von Kertsch. Sheriff, äh Marschall Christoph sah darin, fasst man sein Rülpsen zusammen, den Anlass erfüllt, den Bündnisfall auszurufen. Schließlich gehört die Ukraine zur NATO! Irgendwie halt, so gefühlt. Nur AKK, die da noch nicht Gekürte, konnte den Verzweifelten mit warmen, verständnisvollen Worten daran hindern, nicht gleich in der Sendung nach seinem Handy zu greifen und Donald T. und Jens S. anzurufen.

Wie widerlich ist das denn, diesen transatlantischen Drecksack in einer SPD-Postille kotzen zu lassen!

Danke für diesen Hinweis und erneuten Beweis, wie gefährlich und unzurechnungsfähig politisch Todgeweihte sind.

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Reyes Carrillo
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Die Vergesslichkeit des "Ordnungsfanatikers" Christoph von Marschall ist noch größer, als von Uli Gellermann zurecht gegeißelt. Im Sommer 1974 besetzte die Türkei den Norden Zyperns, nachdem griechische Putschisten den Anschluss Zyperns an...

Die Vergesslichkeit des "Ordnungsfanatikers" Christoph von Marschall ist noch größer, als von Uli Gellermann zurecht gegeißelt. Im Sommer 1974 besetzte die Türkei den Norden Zyperns, nachdem griechische Putschisten den Anschluss Zyperns an Griechenland durchsetzen wollten. Sprich, zwei Nato-Mitgliedstaaten haben die Grenze eines souveränen Staates mit Gewalt verändern wollen bzw. tatsächlich verändert.
Im Herbst 1950 marschierte chinesisches Militär in Tibet ein, auch das eine faktisch gewaltsame Änderung einer Grenze.
Und der Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrades, auf der Genfer Konferenz vom 21. Juli 1954 beschlossen, war ein mörderischer Krieg Frankreichs gegen die Unabhängigkeit Vietnams vorausgegangen.
Man mag zur Krimproblematik stehen, wie man will. Aber Russland gewaltsame Grenzveränderungen als Alleinstellungsmerkmal andichten zu wollen, ist pure politische Amnesie.

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Kostas Kipuros
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Zur gut gemeinten Kritik dieses Herrn von Marschall fällt mir doch sofort der mitleidslose Professor Marshal McLuhan ein:
"Moralische Entrüstung ist eine Methode, Idioten Würde zu verleihen."

Klaus-Peter Kostag
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