Stellen Sie sich vor, Sie verpacken gerade die letzten Geschenke, ein wenig Kerzenduft würzt Ihr Wohnzimmeratmosphäre und Ihr Mann (Ihre Frau) betritt das Zimmer, stemmt die Hände in die Hüften und sagt: "Deutschland - das sind wir alle". Da wissen Sie doch genau was kommt: Sie sollen den Abfalleimer runterbringen oder noch mal schnell in den Supermarkt. Immer wenn der Oberschwesternsingular angewandt wird, `na, wie geht´s uns denn heute, hatten wir schon Stuhl?´, ist es Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. So wie bei der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, die Ihnen, mit der Behauptung, dass wir alle Deutschland wären, aus dem Fernseher in die gute Stube geflossen ist wie klebriger Saft aus faulendem Obst.

Und wenn Ihr Mann dann über das Deutsch-Land behaupten würde: "Ich kenne kein schöneres", dann wissen Sie, der Urlaub am Mittelmeer ist schon mal gestrichen. Das war die Bescherung, die Horst Köhler an Heiligabend zelebrierte, und dass er mal wieder nur schwer vom Manuskript ablesen konnte, seine Sätze falsch betonte und den Augenaufschlag einer Vierzehnjährigen versuchte, die bei der Party keiner auffordern will, wirkte nur strafverschärfend.

"Deutschland ist keine Insel" begann einer seiner pointierten Sätze, denn Köhler weiß, was notwendig ist: "Gute Bildung für alle", damit die Frage, ob wir denn auf einer Insel oder dem Festland wohnen, bereits in der Schule geklärt wird und nicht erst durch den Bundespräsidenten. Wohl deshalb stellte er auch eine Reihe von Fragen: "Wie offen ist unsere Gesellschaft für Neues? In welchem Land gibt es bessere Schulen und Hochschulen?" Alles Fragen, auf die Köhler natürlich Antwort hätte geben können: Neue, längere Lebensarbeitszeiten und kürzere Kündigungsfristen gehören zur offenen Gesellschaft des neoliberalen Bundespräsidenten. Dazu passt auch das dreigliedrige, völlig verfehlte Schulsystem und die Normal-Uni auf der zu viele Stundenten auf zu wenig Raum, Personal und Lehrmittel treffen.

Doch Köhler wußte Trost: Maria und Josef hätten auch nur in einem Stall Unterkunft gefunden. Das wird die halbe Million Obdachloser in Deutschland sicher sehr beeindrucken. Auch, dass die heilige Familie auf der Flucht vor Herodes war, bietet Köhler als Lebensvergleich für die an, "die einsam oder krank sind, die keine Perspektive mehr sehen." Dass christliche Rührstücke eher wenig bewirken, ließ den Bundespräsidenten zu einer letzten Drohung greifen: "Meine Gedanken sind bei Ihnen."

Wir alle wissen, dass nur die letzte Kriegsweihnacht wirklich Stimmung unter den Deutschen hervorbringen konnte: Man war enger zusammengerückt, fast alle hatten fast nichts mehr, von den üblichen Fettaugen abgesehen, die auch auf der dünnsten Suppe schwimmen, ein Gefühl von bedeutender Endzeit hatte sich breit gemacht. Das wissen Köhlers Berater. Deshalb haben sie an folgendem Satz besonders lange gefeilt. "Mein herzlicher Weihnachtsgruß gilt besonders den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die sich fern der Heimat für unser aller Sicherheit und Freiheit einsetzen." Siehst Du Mutti, könnte ihr Mann jetzt sagen, der Afghane wäre längst bei uns einmarschiert, wenn unsere tapferen Truppen nicht am Hindukusch stünden! Wenn Sie jetzt zu Wort kämen, hätten Sie alle Gründe ihm die Scheidung anzudrohen, aber aus dem Fernseher wird gerade ziemlich laut "Lilli Marlen" übertragen und Horst, der verhinderte Reichspräsident, beginnt heftig zu schluchzen, wahrscheinlich, weil seine Notverordnung klemmt.

Ach, wenn wir uns doch alle bald von Köhler scheiden lassen könnten.

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